Wir leben in einer Welt der Gewohnheiten. Wie jeder Mensch sind auch die Studierenden nicht anders. Jeden Tag nehmen wir erneut die Herausforderung auf, aufzustehen, sich fertig zu machen und in die Hochschule zu fahren. Die einen fahren ganz normal in die Lothstraße, die anderen nehmen den weiten Weg in exotischere Gebiete auf – wie Pasing oder Karlstraße. Jeden Tag erneut fahren wir in die Hochschule. Jeden Tag erneut suchen wir den Vorlesungsraum. Wir haben uns so an diesen Prozess gewöhnt, dass er uns ganz normal und unscheinbar vorkommt. Doch warum eigentlich? Warum gehen wir zur Hochschule, warum kommt die Hochschule nicht zu uns?

Die Zeiten haben sich doch drastisch geändert. Während meine Eltern noch mit dem Ausdruck einer Wegbeschreibung zu kämpfen haben, habe ich schon die App gezückt und die Live-Übertragung des MVV geöffnet. Während meine Mutter überlegt, welches Hotel das Günstigste ist, habe ich schon das AirBnB in Stadtmitte gefunden. Und während mein Vater noch jeden Morgen die Zeitung mühselig von der Haustür holt, bin ich bereits beim Aufstehen informiert, was in der Welt los ist. Die Technologien des 21. Jahrhunderts haben die Welt verändert. Smartphone, Smartwatch, Smartglasses, Smartcar. Man könne denken, die smarte Technologie hat das Denken überflüssig gemacht, hat vielleicht sogar das Studieren überflüssig gemacht. Wer benötigt noch Vorlesungen zu Buchführung und Bilanzierung, wenn bald alle Buchungssysteme so leicht gestaltet sind, dass jeder 18-jährige Praktikant sie in fünf Minuten versteht? Wieso sollte ich mich in Mathematik und Statistik setzen, wo doch sogar die komplexesten Aufgaben durch kostenfreie Systeme gelöst werden? Wozu Englisch lernen, wenn bald jedes gesprochene Wort schon während ich es spreche durch Handy & co. in eine andere Sprache übersetzt werden kann?

Und dennoch sage ich: wir brauchen die Hochschule, und wir brauchen das Studium. Doch die Anforderungen an ein erfolgreiches Studium haben sich geändert. Studieren muss neu gedacht werden.

Heutzutage reicht es nicht mehr aus, einfach nur in die Vorlesung zu gehen, sich im Halbschlaf den Vortrag über Wirtschaftsprivatrecht anzuhören, und am Ende des Semesters das angestaute Wissen wieder auszu… schütten. Wir brauchen mehr als nur Informationen, mehr als nur Wissen. In Zeiten wie dieser ist es doch fatal, wenn Studierende sieben Semester lang etwas lernen, was schon überall und jederzeit zu lesen ist. Wikipedia hat uns verändert. Die Studierende beginnen ihr erstes Semester mit mehr Wissen in der Hosentasche, als sie jemals in Ihren Kopf bekommen könnten.

Ist es nicht an der Zeit, das zu nutzen, daraus Kapital zu schlagen?

Liebe Dozierenden, liebe Hochschul-Verantwortlichen: bitte, tun Sie was. Nutzen Sie die Chance, die sich in den Zeiten der Digitalisierung ergeben. Erkennen Sie, welche neuen Möglichkeiten der Lehre sich ergeben, wenn man den Wissenserwerb einfach den Studierenden überlässt, und sich allein auf den Erwerb von Kompetenzen konzentrieren kann. Die Qualität der Lehre wird so auf ein ganz neues Niveau gehoben. Heute wird es nicht mehr darauf ankommen, alle Studierenden die gleiche Ausbildung anzubieten – das ist bei der immer steigenden Heterogenität gar nicht möglich. Heute wird es viel wichtiger sein, die Studierenden da abzuholen, wo ihre Eingangskompetenzen liegen, sie individuell zu fördern, gezielt ihre Stärken weiterzuentwickeln.

Wir leben in einer Welt der Gewohnheiten. Doch Gewohnheiten ändern sich. Manche Dinge, die uns heute ganz normal erscheinen, können morgen schon Schnee von gestern sein. Das gilt für digitale Trends, wie Smartwatch und Periscope, genauso wie für didaktische Lehrkonzepte, wie Peer Instruction und Flipped Classroom.

Doch ohne Veränderung kommen wir nicht voran. Die Hochschule München ist eine gesellschaftliche Institution, und hat den Auftrag, sich immer wieder erneut den Spiegel vorzuhalten, immer wieder erneut zu prüfen, was Studieren bedeutet und wie Lehren funktioniert.

Dafür ist es allerhöchste Zeit!

Autor: Constantin Pittruff, studentischer Senator der Hochschule München
Referiert am Tag der Lehre der Fakultät für Betriebswirtschaft, 09.06.2016